Wenn die Glocke schillert

 

Ein literarisches Glockenspiel um Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“

 

 

 

Von und mit

 

Hans-Jürgen Lenhart

 

Gast: Erland Schneck-Holze

 

 

 

Mittwoch, 19.9.2018, 20 Uhr

 

"Das literarische Notfall-Apotheken-Special" im Hanauer Café Art

 

 

 

„Wenn die Glock' soll auferstehen,

 

muss die Form in Stücken gehen.“

 

 

 

So hat Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke“ gedichtet und das hat der Hanauer Literat Hans-Jürgen Lenhart wirklich ernst genommen. In diesem Sinne beschäftigte er sich seit 1994 immer wieder mit dem berühmten Gedicht Schillers. Ausgerechnet diese Ikone der deutschen Lyrik war für ihn Anlass für stilistische Versuche, inhaltliche Auseinandersetzungen und humorvolle Verarbeitungen von Teilen des Werkes. Lenhart spielt mit dem Pathos von Schillers Sprache, überhöht ihn ins Extreme durch Alliterationen. Er experimentiert aber auch, findet neue Inhalte durch Umstellungen der Zeilen und Worte einer Strophe. Ebenfalls spielt er mit Stilmitteln wie dem Anagramm, den bekanntesten Zitaten aus dem Text oder einem literarischem Echo und er transformiert das Gedicht in ein scheinbar computergesteuertes Alternativ-Deutsch. Aber er setzt sich auch inhaltlich auseinander, hinterfragt das in der „Glocke“ entstandene Urbild der biederen Hausfrau, dem „Heimchen am Herd“, und geht humorvoll auf sachliche Fehler ein, die Schiller in seiner Ballade unterlaufen sind. Am Ende darf die Glocke schließlich läuten, gar mit Hilfe des Publikums als literarisches Glockenspiel.

 

 

 

Wer Lenhart kennt, wird sich denken können, dass es nicht unbedingt ein rein akademischer Abend werden dürfte. In den Bearbeitungen der Glocke haben Einflüsse von so unterschiedlichen Literaten wie Heinz Ehrhardt, Stanislaw Lem, Karl Valentin, den Dadaisten, Robert Gernhardt und vor allem Raymond Queneau eingewirkt. Der letztgenannte französische Schriftsteller war sogar der entscheidende Impuls für Lenhart, sich an Schillers „Glocke“ in einer Art Hassliebe mit kreativen Methoden weiter zu entwickeln und Queneaus „Stilübungen“ widmete Lenhart jüngst sogar ein eigenes Programm.

 

Damit man das Gedicht im Vergleich immer gut im Ohr hat, wird Hanaus „Schultheater-Papst“ und Kulturpreisträger des Main-Kinzig-Kreises Erland Schneck-Holze als Gast des Specials Schillers Originaltext rezitieren und bei den nachfolgenden Bearbeitungen immer den verwendeten Original-Teil vortragen. Lenhart und Schneck-Holze kennen sich schon lange aus Kinder- und Jugendtagen und nutzen damit die Gelegenheit für eine kreative Begegnung, wie sie nicht alle Tage vorkommt, zumal Erland Schneck-Holze erst vor kurzem im Hanauer Comoedienhaus Rezitationen von Schillers Balladen vortrug.

 

Ursprünglich entstanden ist das Schiller-Projekt bereits 1994. Da lernte Lenhart den Frankfurter Spoken Word Poet Dirk Huelstrunk kennen und sie beschlossen, als gemeinsames literarisches Projekt mit dieser Ballade als Ausgangstext ihre verschiedenen Arbeitsmethoden auszuprobieren. Sie wollten zertrümmern, die Buchstaben und Worte aus ihren fest gegossenen Bedeutungen befreien. Aus den Ruinen entstanden dann neue Wortwunder, die auch in einer CD ihre Fortsetzung fanden. Immer wieder wollte Lenhart das Projekt reanimieren, bis jetzt schließlich die Gelegenheit entstand.

 

Friedrich Schiller tat sich übrigens mit dem „Lied von der Glocke“ sehr schwer. Es ist nach vielen Anläufen im Jahr 1799 veröffentlicht worden und heute eines der bekanntesten, am meisten zitierten und parodierten deutschen Gedichte. Schiller kam schon als Schüler mit dem Handwerk des Glockengießens in Kontakt. Als er später die Idee hatte, zum Motiv des Glockengusses ein Gedicht zu schreiben, besuchte er im Jahr 1788 mehrfach eine Glockengießerei in Rudolstadt. Die Ballade wurde ein umwerfender und lange nachwirkender Erfolg. Das Lied war bis etwa 1950 im Gymnasium unumgänglich und ein universales deutsches Bildungsgut.

 

Es heißt ja: „Erst wenn Dichter modern, werden sie modern.“ Lenhart versteht seine Bearbeitungen als „Remixen“  wie ein DJ, wie er es bereits vor kurzem im Café Art mit Grimms Märchen machte.  In diesem Sinne wird auch Friedrich Schiller modernisiert. Die „Glocke“ wird an diesem Abend in allen literarischen Farben schillern. Das sollte man sich nicht entgehen lassen und wenn der werte Klassiker dabei noch den Humor einläutet, ist auch nichts dagegen zu sagen.

 

 

 

Café Art

 

Hauptstr. 54 / Ecke Bahnhofstraße, 63457 Hanau-Großauheim

 

Tel. 06181 / 9881988

 

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